Forrester's These, dass zwei Drittel der CX-Teams Journey Mapping aufgeben werden, klingt wie Clickbait. Sie ist aber ernster gemeint: Nicht Journey Maps verschwinden – sondern ihr Ruf. Weil zu viele Maps entstanden sind, die niemand mehr aufruft. Weil Workshops stattgefunden haben, nach denen sich nichts verändert hat. Weil „Journey" inzwischen so inflationär verwendet wird, dass es oft alles und nichts bedeutet.
Das ist kein Scheitern der Methode. Es ist das Scheitern der Logik dahinter.
Was mit „Artefakt" gemeint ist – und warum das das Problem ist
Ein Artefakt ist ein Ergebnis einer Aktivität. Eine Journey Map nach einem Workshop ist ein Artefakt. Sie beschreibt, wie ein Kundenerlebnis aussieht oder aussehen sollte. Gut gemacht, ist sie wertvoll. Aber sie ist kein Steuerungsinstrument.
Das Problem ist nicht die Map. Das Problem ist, was danach – und meistens: was nicht danach – passiert.
- Wer ist dafür verantwortlich, dass sich die Journey verbessert?
- Wer entscheidet, wenn Insights zu Konsequenzen führen sollen?
- Wer aktualisiert die Map, wenn sich Produkte, Kanäle oder Kundenverhalten ändern?
Diese Fragen sind keine methodischen Fragen. Sie sind organisatorische Fragen. Und sie bleiben in vielen Projekten unbeantwortet.
Joana de Quintanilha (Forrester) bringt es auf den Punkt: Journey Management ist kein Overlay auf das bestehende Operating Model. Es verändert es.
Was ein Betriebsmodell ausmacht
Journey Management als Betriebsmodell bedeutet: Journeys sind keine einmaligen Beschreibungen, sondern dauerhaft gepflegte Objekte mit Verantwortlichen, Zielzuständen, Messgrößen und Entscheidungslogiken.
Das schließt konkret ein:
Journey Ownership: Jede relevante Journey hat eine:n Verantwortliche:n – nicht für die Visualisierung, sondern für die Entwicklung. Diese Person entscheidet, priorisiert und eskaliert.
Zielzustände statt Ist-Beschreibungen: Eine Journey Map, die nur den heutigen Zustand abbildet, ist ein Diagnose-Werkzeug. Wertvoll, aber unvollständig. Wertvoll wird sie, wenn neben dem Ist-Zustand klar ist, wohin sich die Journey entwickeln soll – und warum.
Closed Loop: Erkenntnisse fließen zurück in die Journey. Was Kunden erleben, verändert, wie die Journey weiterentwickelt wird. Dafür braucht es nicht nur Feedback-Systeme, sondern auch Entscheidungsprozesse, die Erkenntnisse in Prioritäten übersetzen.
Strukturelle Einbettung: Journey Management als Betriebsmodell benötigt einen Platz in der Unternehmensorganisation – Budget, Rollen, Zeit. Es darf nicht im Projektraum leben. Dass Marc Stickdorn (Smaply) diese These aktuell in JourneyOps-Roundtables weltweit testet, ist ein eigenes Signal: Die Frage ist längst aus dem Analyst-Raum heraus — und in der Praxis angekommen.
Das ist keine neue Erkenntnis. Aber der Kontext, in dem sie relevant wird, hat sich verändert: Mit steigender Automatisierung und KI-gestützter Orchestrierung werden die Risiken einer Journey ohne Ownership direkt größer.
Was Journey Management leisten muss – vier Zwecke, vier Typen von Inhalten
Ein Betriebsmodell aufzubauen ist die eine Seite. Die andere: was es produziert — und für wen. Jochem van der Veer (TheyDo) beschreibt vier zentrale Zwecke, denen Journey-Inhalte dienen müssen. Sie sind keine Design-Kategorien, sondern Wirkungsziele: Was soll in einer Organisation durch Journey Management eigentlich verändert werden?
Shared Structure: Gemeinsame Entscheidungslogik schaffen, die Alignment über Teamgrenzen, Budgets und Prioritäten hinweg ermöglicht. Ohne geteilte Struktur bleibt Ownership eine Absichtserklärung.
Reframe: Bestehende Annahmen der Organisation über Experience, Ownership und Wandel aktiv herausfordern. Nicht bestätigen, was ohnehin gedacht wird — sondern die Perspektive verschieben.
Build Trust: Governance-Reibung, Datengrenzen und organisatorische Spannungen ehrlich benennen, statt eine gesäuberte Erzählung zu liefern. Glaubwürdigkeit entsteht durch Offenheit über das, was nicht funktioniert.
Prove: Belegen, dass Journeys ein Management-System sind — durch konkrete Vorher-Nachher-Entscheidungen, operative Veränderungen und messbaren Business-Impact. Nicht durch schöne Visualisierungen.
Nicht jeder Beitrag muss alle vier Zwecke erfüllen. Aber wer dauerhaft nur einen bedient — etwa nur Struktur schafft, ohne je Vertrauen aufzubauen oder Annahmen herauszufordern — bleibt im Projektraum stecken.
Orientierung für den Einstieg – und welches Modell dabei hilft
Stand 2026 haben fast alle relevanten Akteure im CX-Feld eigene Reifegradmodelle veröffentlicht oder aktualisiert: Forrester, Qualtrics XM Institute, Medallia, TheyDo, cxomni, smaply. Der Markt denkt intensiv über Reife nach. Das ist gut. Es macht die Orientierung aber auch nicht einfacher – denn diese Modelle verfolgen sehr unterschiedliche Zwecke.
Eine grobe Einteilung hilft:
Organisations-Screening: Forrester's CX Maturity Model und das Qualtrics XM Institute CX Maturity Assessment helfen dabei, die CX-Funktion als Ganzes einzuordnen – Governance, Measurement, organisatorische Verankerung. Sie sind wertvolle Instrumente für größere Organisationen, die ihren CX-Reifegrad strukturiert benchmarken wollen.
Tool- und Methodeneinstieg: TheyDo's Journey Management Maturity Index und cxomni's Reifegrad-Analyse fokussieren eng auf Journey Management als operative Praxis. Sie sind häufig als Einstieg in ein Tool- oder Beratungsgespräch konzipiert – smaply's Modell (veröffentlicht März 2026) ist das zugänglichste aus diesem Vendor-Umfeld.
Reflexionstool für den Beratungseinstieg: Mein eigenes Reifegradmodell ist etwas anders angelegt. Es ist kein Organisations-Screening und kein Tool-Einstieg. Es ist ein schlankes Reflexionsinstrument für Teams, die verstehen wollen, wo sie mit Journey Management heute stehen – und welche nächsten Schritte für ihre Situation sinnvoll sind. Es unterscheidet vier Reifestufen (Unaware → Adopt → Build → Commit) und betrachtet sechs Handlungsfelder: Journeys, Insights, Skills, Culture, Operations und Tools.
Diese Kombination macht es zu einem anderen Instrument als die Berater- oder Vendor-Modelle: Es ist eher darauf ausgelegt, eine eigene Standortbestimmung zu ermöglichen – und von dort aus gezielt weiterzudenken.
Die Frage, welches Modell passt, beantwortet sich meist über den Ausgangspunkt: Wer den Reifegrad der CX-Funktion im Unternehmenskontext einordnen will, ist bei Forrester oder Qualtrics XM Institute gut aufgehoben. Wer ein geeignetes Tool auswählen möchte, findet bei TheyDo, smaply, cxomni, Qualtrics und Medallia gute Modelle. Wer wissen will, wie reif das eigene Journey Management ist und was konkret als nächstes helfen würde, findet in meinem Reflexionstool einen leichteren Einstieg.
Wirtschaftlichkeit als Entscheidungspunkt – die DACH-Perspektive
Harald Henn und Nils Hafner beschreiben im CEX Trendradar 2026 einen Shift, der im deutschsprachigen Raum besonders spürbar ist: Journey Management wird nüchterner betrachtet. Die Frage ist nicht mehr, ob gemessen wird – sondern ob Journeys ihren Wertbeitrag unter Beweis stellen.
Das ist kein Rückschritt. Es ist Professionalisierung. Und es ist die Frage, die jedes Journey-Management-Programm beantworten muss: Welche Journeys beeinflussen wirklich Kundenwert, Retention, Effizienz? Und wie wird dieser Zusammenhang sichtbar gemacht?
Ein praktisches Argument liefern die Daten zu Silent Churn: Kunden verlassen Unternehmen nicht wegen des Preises – sie verlassen sie, weil nach dem Kauf nichts passiert. Die Post-Acquisition Experience ist ein unterschätzter Loyalitätsträger. Und sie ist ein Journey-Problem: Wenn die Onboarding-Journey, die Verlängerungs-Journey oder die Support-Journey nicht aktiv bewirtschaftet werden, entsteht stille Abwanderung – ohne Signal, ohne Feedback, ohne Möglichkeit zur Reaktion.
Was das für die Praxis bedeutet
Journey Mapping ist nicht tot. Aber die Idee, dass eine Map ausreicht, ist es.
Wer Journey Management ernst nimmt, braucht keine bessere Visualisierung. Er braucht Ownership, Entscheidungslogiken, Closed Loops – und eine realistische Einschätzung, auf welcher Reifegradstufe die Organisation heute steht. Der erste Schritt ist oft unbequemer als ein Workshop: Wer ist verantwortlich für die wichtigsten Journeys – wirklich verantwortlich, mit Mandat und Ressourcen? Und wer entscheidet, ob ein Insight auch eine Konsequenz haben soll?
Diese Fragen sind keine methodischen. Sie sind organisatorische. Und sie entscheiden, ob Journey Management ein Betriebsmodell wird – oder ein Artefakt bleibt.

